Zwischen den Dingen - das Psychotop

Wie hast du deine Liebe zur Natur entdeckt? Wurde sie dir durch Eltern und Großeltern in die Wiege gelegt? Bist du schon als Kind durch Wald und Wiese am Fluß entlang getollt, hast Regenwasser mit Blättern für die Königin “gekocht” und Regenwürmer gesucht? Oder hast du dein Herz erst später in der und an die Natur verloren, indem Sie dich vielleicht sogar etwas über dich und die Menschen gelehrt hat?

Psychotop Wald

Ganz egal ob früher oder später - die Verbindung zur Natur ist da und so sitzen Kai und ich in einer Waldschule und möchten etwas über Psychotope im Rahmen eines Seminars zur Umweltbildung erfahren. Leiter ist Prof. em. Dr. Norbert Jung, Ornithologe, Biologe und Naturbegeisterter. Aber was genau ist das eigentlich, ein Psychotop?

Der Architekt Richard Neutra beschäftigte sich im frühen 20. Jahrhundert mit dem Phänomen der Wirkung einer Umgebung auf die Psyche eines Menschen. Ganz gleich ob drinnen oder draußen - in bestimmten uns umgebenden Strukturen verspüren wir bestimmte positive oder negative Emotionen, Gedanken, Assoziationen. So prägte Neutra den Begriff Psychotop: ein Raum, an dem Psychisches zwischen dem Selbst und den Dingen stattfindet.

Nach einer kurzen theoretischen Einführung ins Thema ging es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bewaffnet mit Mal- und Schreibutensilien, ab in den Wald. Aufgabe war es, zwei Stunden an einem selbstgewählten Ort zu verweilen und durch das emotionale Einlassen auf die Umgebung ein Bild zu malen sowie ein Gedicht zu schreiben - ganz ohne Ziele, Erwartungen und Wertung. Zwei Stunden allein im Wald an einem Platz zu sitzen klingt erstmal furchtbar lang. Besser wären vier oder mehr Stunden gewesen, aber das gab die Dauer des Seminars leider nicht her. Ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass etwa 16 Personen gemeinsam im Wald verteilt sitzen und man gleichzeitig ganz für sich ist, denn Sichtkontakt mit anderen gab es nicht.


Die waldbedingte Vielzahl an Mücken macht es anfänglich nicht einfach, sich zu akklimatisieren, aber der Moment kam, ab dem der Dialog mit der Natur über das hörbare “Maaaan! Weg! Wagt es ja nicht!” hinausging. Erlebnisse, Kommunikation - das ist alles sehr individuell und lediglich eine Momentaufnahme. Alles ist gut, was passiert oder eben auch nicht passiert. Ein anderer Zeitpunkt am gleichen Ort oder der gleiche Zeitpunkt an einem anderen Ort kann wiederum ganz anders aussehen, denn “unsere Seele ist genauso unberechenbar wie die Natur” (Jung). Jeder Ort hat seinen ganz Geist und jedes hat seine Zeit in der Natur.

Apropos Zeit: Nicht nur mein Zeitempfinden war aufgehoben und so kam der Vogelruf Jungs, der das Ende ankündigte, ziemlich abrupt und wurde von einigen sogar nicht gleich als sein Ruf wahrgenommen. Da Erleben ohne Reflektion laut Jung nicht zu Erfahrung wird, wurde die Ergebnisse in zwei Gruppen vorgestellt - ohne Erklärung oder Beschreibung, was man mit diesem Wort oder jener Form denn gemeint hätte. Aufgabe der anderen war es, zu hören, zu schauen und dann assoziativ und ohne Wertung auszusprechen, was das Geschriebene bzw. Gemalte bei ihnen auslöst.

Für die einen unnötiges Gelaber, für die anderen reflektierte Selbsterfahrung. Aber eben immer: individuell.

Hast du schon psychotope Momente mit und in der Natur erlebt? Schreibe uns gern deine Erfahrungen in den Kommentaren. Wenn du besondere Erfahrungen mit Fundorten auf der mundraub-Karte hast, kannst du auch diese gern dort hineinschreiben und uns den Link schicken.

Quellen:

• Jung, Prof. em. Dr. Norbert Jung 2008: Psychotope zwischen Mensch und Natur Berlin / FH Eberswalde. natursoziologie.de 10/2008, ergänzt 11/2014
• Bild: ©mundraub, 2018

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