Cox Orange. Lovely, to eat you


Vor Kurzem wollten wir von dir wissen, wen du im Rahmen unserer Reihe "mundraub quetscht alte Obstsorten aus" noch auf unserem Interview-Sessel begrüßen willst. Dabei fiel unter anderem der Name der folgenden Sorte...

Bevor der Brexit uns die Einladung von Gästen auf unser Berliner mundraub-Sofa erschweren wird, haben wir uns für das heutige Gespräch noch einmal einen very british Besuch eingeladen: die Apfelsorte Cox Orange.

mundraub (m): A very warm welcome!

Cox Orange (CO): Warm stelle ich mir schon anders vor, wir haben schließlich bloody Frühling!

m: Ja, das stimmt wohl. Sie mögen es also lieber warm?

Apfel Cox Orange

CO: Eher gemäßigt warm. Hitze vertrag’ ich nicht, aber das bin ich ja schließlich aus meiner  Heimat nicht anders gewohnt. Ein Sommer voll Regen - hach, da geht mir das Harz auf! Also nicht wirklich... Na, Sie wissen schon wie ich das meine.

Meine Böden sollten im Idealfall sehr gut Wasser speichern können, um auch immer genug nachzuliefern. Bei niedrigen Temperaturen kann zu viel Regen wiederum ordentlich Schaden anrichten, da hab ich schon einiges durchgemacht, das sag ich Ihnen, Darling.

m: Natürlich, verstehe. Erzählen Sie uns doch mal ein bisschen etwas zu Ihrer Herkunft.

CO: Lassen Sie es mich mal so ausdrücken: Ich war kein Wunschkind. Vielleicht habe ich deshalb meine Eltern nie kennengelernt.

m: Wissen Sie denn überhaupt etwas über Ihre Eltern?


CO: Nur dass ich vermutlich ein Nachkomme von “Ribston Pepping” und “Blenheim Orange” bin. Biologisch. Entdeckt hat mich ein Gentleman namens Richard Cox in der Nähe von London. Der gab mir dann schließlich seinen Namen.

m: Richard?

CO: Huh? No! Cox, mate!

m: Heißt es nicht Club Mate?! Was hat das denn mit… - Na egal, wann war das ungefähr?

CO: Das müsste so etwa 1825 gewesen sein. Danach verbreitete ich mich dann auch in ganz West-, Mittel- und Nordeuropa.

m: Dann sind Sie tatsächlich ziemlich alt.

CO: Ich muss ja wohl sehr bitten, über das Alter einer Renette spricht man nicht.

m: Wir schon. Das ist sogar exakt der Grund, warum wir mit Ihnen sprechen.

CO: [sarkastisch] Lovely. Wirklich. [Pause] Bitte machen Sie weiter.

m: Gern. Wie sieht denn ein Tag im Leben von ‘Cox Orange’ aus?

CO: I’m knackered, das sag ich Ihnen. Es ist anstrengend, ‘Cox Orange’ zu sein. Ganz ehrlich! Ich hab schon besser Tage gesehen. Ich bin nicht einfach, was Anbau und Lagerung angeht. Pilzkrankheiten, Frost, Obstbaumkrebs - you name it. Ich liebe Tiere, aber leider lieben die auch mich - vor allem die Hasen… Aber was bringt Jammern schon. Ich bin dennoch stolz darauf, eine aromatische ‘Cox Orange’ zu sein! Und genauso stolz bin ich auf meine englische Herkunft. Und was ich erst für Nachfahren hervorgebracht habe, das ist ein ‘Who is who’ aller bekannten Apfelsorten: Holsteiner Cox, Gala, Elstar, Alkmene. Bloody großartig, nicht wahr?!

m: Aber hallo! Das ist der Spirit, jawoll ja!

CO: Wussten Sie übrigens, dass ich ein “national treasure” bin? Ein Symbol für England?

Alte Sorte Cox Orange England

m: Ui nein, das ist mir neu. Wie macht sich das bemerkbar?

CO: Für viele Menschen in meinem Herkunftsland symbolisiere ich den englischen Herbst. Muss wohl an meiner gelb-orange-roten Färbung liegen. Sie haben es bestimmt selbst bemerkt, aber die ist wirklich wunderwunderschön.

m: Klar, lovely, definitiv.

CO: Mein Lieblingsautor George Orwell persönlich hat sogar über Cox Orange geschrieben und mich als besten englischen Apfel bezeichnet. Er fand mich so gut, dass er sogar selbst einen Baum meiner Sorte in seinem Garten pflanzte. Stellen Sie sich das mal vor! George Orwell! Das ist eine noch viel größere Auszeichnung als… als... der Oscar für den besten Film!

m: Was sie nicht sagen! Apropos Schauspielerei: Freuen Sie sich schon auf die royale Hochzeit im Mai? [Die Zukünftige von Prince Harry ist eine US-Amerikanische Schauspielerin, Anm. d. Red.: ]

CO: Und wie! Wer nicht?! Es versteht sich von selbst, dass ich auch eingeladen wurde, allerdings habe ich aus beruflichen Gründen absagen müssen. Während dieser Zeit habe ich leider alle Äste voll mit meiner Blüte zu tun. Die sind aber ganz besonders schön, das können Sie mir glauben. Und vielleicht gibt es ja zu meinen Ehren sogar einen typisch englischen “Apple Pie with custard”.

m: Das wäre sicherlich ganz wundervoll. Vielen Dank für die vielen tollen Einblicke, die Sie uns gewährt haben!

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Quellen:
Silbereisen, Robert; Götz, Gerhard; Hartmann, Walter (2014): Cox Orange, in: Obstsortenatlas. Kernobst, Steinobst, Beerenobst, Schalenobst, Nikol Verlag, Hamburg: S. 35-40
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