Obstbaumschnitt - alle Hände voll zu tun


In den Boden, aus dem Sinn

Obstbäume werden oft gepflanzt, dann weitestgehend sich selbst überlassen und erfahren – periodisch wiederkehrend – verstärkte Aufmerksamkeit, wenn Erntezeit ist. Also für ein paar Tage im Jahr. Allerdings passen vergessene und vernachlässigte Obstbäume nicht wirklich mit einer guten und regelmäßigen Ernte zusammen.
Klar, Bäume können auch ohne Menschen leben, auch Obstbäume können das. Es stellt sich dann nur die Frage, wie lange und wie sie leben. Und ob das noch mit dem zu tun hat, was uns beim Wort `Baum` vor Augen schwebt.

„Obstbäume sind Kulturgüter und müssen daher gepflegt werden“
ist oft von Liebhabern und Fachleuten zu hören. Aber was bedeutet das eigentlich?

Die Vorfahren der zigtausenden Apfelsorten, die es heute gibt, sind Wildäpfel. Diese sind unter anderem im Kaukasus und in Kasachstan beheimatet und bilden dort teils ausgedehnte Waldbestände. Auf Streuobstwiesen und in Gärten, an Alleen und auch in Plantagen stehen aber ganz andere Gewächse. Diese Bäume und Büsche werden aus zwei oder drei Teilen `zusammengesetzt`. Aus der Wurzel und der eigentlichen Sorte (auch Edelsorte genannt). Bei Hochstämmen kommt manchmal noch ein sogenannter Stammbildner hinzu, schon besteht der Obstbaum aus drei verschiedenen Teilen. Dass Obstbäume, wie wir sie kennen, `Kulturgüter` sind, liegt also an der Selektion der Sorten und an der Art des Baumes (Busch, Halb-, Dreiviertel- und Hochstamm). Sie sind also meist gezüchtet und werden u.a. entsprechend der Verwertung des Obstes in Baumschulen erzogen.

Warum sollen Obstbäume geschnitten werden?

ede Schnippelei will gut überlegt sein (© mundraub)

Dafür gibt es viele Gründe, als die wichtigsten gelten: der stabile Aufbau des Kronen- und Astgerüstes, die Erziehung einer gut durchlüfteten Krone sowie die Langlebigkeit eines Baumes durch das Gleichgewicht von Trieb und Fruchtbildung.
Seit ihrer Kindheit nicht geschnittene Obstbäume lassen schnell  "den Kopf hängen", weil ihre jungen, dünnen Äste die ersten Früchte nicht tragen können. Das Wachstum wird durch frühzeitiges Fruchten das Baumes erheblich gebremst. Eine stabile Krone und ein erhobenes Haupt des Baumes rücken in weite Ferne.
Sollen Bäume im Trieb angeregt werden, ist ein Schnitt außerhalb der Vegetationsperiode sinnvoll (November bis März). Um Bäume, die zu stark wachsen, etwas zu bremsen hat sich ein Schnitteingriff während der Vegetationsperiode bewährt.

Hier gibt es auch noch Unterschiede zwischen den Fruchtarten, dazu ein andermal mehr.
Als Schnittwerkzeuge eignen sich für den Obstbaumschnitt entwickelte Astscheren und Handsägen. Mit diesen Geräten lässt sich besser und sauberer arbeiten. Zudem ist die Handhabung ein wichtiges Kriterium, wenn Du längere Zeit schneidest. Für den kleinen Apfel-Busch im Schrebergarten muss es nicht unbedingt eine professionelle Schere sein.   

Das Wissen und die Kenntnis beim Obstbaumschnitt kommt durch kontinuierliches Schneiden und aufmerksames Beobachten. Nach ein paar Schnitten heißt es abwarten bis der Baum austreibt und die Blätter im Herbst wieder abwirft. Dann lassen sich die Reaktionen des Baumes am besten nachvollziehen und verstehen. 

Obst von Hochstämmen ist echtes Slow Food

Wenn ein Obstbaum also richtig erzogen wird, dann hat in den ersten Jahren der Baumschnitt oberste Priorität. Mit Geduld und Interesse an einem `gut aufgestellten` Kronengerüst ist das eine herrliche Aufgabe, sorgt sie doch dafür, dass dem Baum die besten Voraussetzungen für ein langes Leben gegeben werden. Natürlich ist nicht allein der Baumschnitt für ein langes Obstbaumleben verantwortlich, kann aber einen erheblichen Teil dazu beitragen. Beitragen im wahrsten Sinne des Wortes, da viele gesunde Früchte von einem gut erzogenen Kronengerüst am besten getragen werden können.
Die ersten Früchte sind, je nach Erziehung des Baumes und der Baumschule und Behandlung am Standort, nach 3-5 Standjahren zu erwarten, die wirkliche Ertragsphase nach ca. 15 Standjahren. 
Apfelbäume können über 100 Jahre alt, Birnbäume sogar um 200 Jahre werden, also über Jahrzehnte und für viele Generationen (!) Früchte produzieren. Kirschen und Zwetschgen erreichen ein Alter von 60-70 Jahren.

Das schöne am Baumschnitt im Winter ist

  • zu einer Jahreszeit draußen zu sein, in der überwiegend drinnen gesessen wird
  • die Ruhe und besondere Stimmung der Landschaft 
  • mit den eigenen Händen zu arbeiten und ein Ergebnis zu sehen
  • eine Beziehung zu einem Ort und den einzelnen Bäumen aufzubauen (vielleicht kommst Du im nächsten oder übernächsten Jahr wieder zum Pflegeschnitt oder zur Ernte vorbei)

Wo kann man Obstbaumschnitt lernen? 

Goldparmäne vor dem Schnitt (© mundraub)

Es gibt bundesweit viele Aktive, die teils jahrzehntelange Erfahrungen im Obstbaumschnitt haben und diese gern weitergeben. Regionalgruppen des Naturschutzbundes schnippeln fleißig im ganzen Land und geben ihr Wissen gern in Kursen weiter, vielleicht auch in deiner Region. Da der fachgerechte Schnitt von hochstämmigen Obstbäumen, in den Ausbildungen von Garten- und Landsschaftbau und im Erwerbsobstbau wenn überhaupt nur "angeschnitten" (!) wird, werden z.B. vom Pomologen-Verein oder dem Landschaftspflegeverband Main-Kinzg-Kreis Ausbidungen angeboten, die sich explizit der Nutzung, der Pflege und dem Erhalt von langlebigen Obstbäumen widmen.

Ich habe meine Ausbildung zum Obstgehölzpfleger im Pomologen-Verein gemacht und kann das allen an Obstbäumen Interessierten sehr empfehlen. 

In der mundraub-Region Hasetal gibt es über 200 Baumpaten, die sich um die Äpfel, Birnen, Mirabellen, Kirschen und Pflaumen am Radweg kümmern. Die Landwirtschaftkammer hat ihnen in einem Kurs das Grundwissen zum Baumschnitt vermittelt.

Ohne das fortwährende und beherzte Engagement von Streuobstinitiativen, PomologInnen und einiger Landkreise wären die verschiedenen Regionen Deutschlands um einiges an Obstsorten, Obstwiesen und Obstalleen ärmer.   

Ich bin begeistert von der Obstsortenvielfalt allein hierzulande und von den vielen Menschen, die sich dafür einsetzen.

Im Februar und März 2016 biete ich winterliche mundraub-Touren an, die einen Einstieg in den Obstbaumschnitt ermöglichen. Wenn Du neugierig bist, dann melde dich unter Aktionen zu einem der Termine an (werden noch bekannt gegeben).

Wir sehen uns draußen!

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Die Goldparmäne nach dem Schnitt würde mich interessieren - ansonsten hebt sich der Artikel wohltuend von den "schnellen Schnittempfehlungen" anderer "Experten" ab.Weiter so

Gruß

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Ein in der Tat recht interessantes Thema, welches einem zuvor nicht wirklich bewusst gewesen ist. Es würde sich tatsächlich lohnen, sich damit näher auseinander zu setzen, um dann bei der Ernte schließlich davon profitieren zu können.

Gruß

L.

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Ich hab Obstbaumschnitt gelernt. Man sollte wirklich die Bäume im Winter schneiden. Bis auf Ausnahmen wie z. B.die Süsskirsche. Sie wird nach der Ernte geschnitten. 

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Wir schneiden auch in regelmäßigen Abständen unsere Obstbäume. Aber es ist jedes mal eine Heidenarbeit, die nicht immer Spaß macht! Vor allem wenn es richtig heiß draußen ist! Aber wir wissen, dass es den Bäumen gut tut. Was bleibt uns also anderes übrig? ;)

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Der Artikel gefällt mir gut, Konstantin. Ich bin übrigens genau der gleichen Meinung, dass auch Obstbäume eine gewisse Pflege brauchen. Wenn ich mir beispielsweise so manchen Obstbaum beim Spazierengehen anschaue, dann frage ich mich schon, warum er den Besitzern jedes Jahr noch so viel schönes Obst als Belohnung beschert.

Zu dem Thema gab es neulich auch einen guten Artikel im Magazin der Gartenhaus GmbH, der zu genau dem gleichen Tenor kommt. Obstbäume sollten regelmäßig gepflegt werden, auch wenn sie natürlich nicht so viel Pflege wie andere Pflanzen im heimischen Garten brauchen.

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Analog zum hier gesagten gilt vieles auch beim Schnitt von Sträuchern.

Im Winter ohne Laub kann man das Geflecht von Ästen und Zweigen zudem besonders gut "durchschauen". Mit Laub dagegen erkennt man tote und absterbende Holzteile schneller.